Warum erfolgreiche Menschen oft die schwierigsten Kollegen sind – und das hat nichts mit Arroganz zu tun
Da sitzt dieser neue Teamleiter, hat einen Lebenslauf, der aussieht wie aus einem Karriere-Lehrbuch, spricht fünf Sprachen und hat drei erfolgreiche Projekte geleitet. Klingt nach dem perfekten Chef, oder? Falsch. Drei Monate später herrscht im Büro eine Atmosphäre wie in einem Hochsicherheitsgefängnis. Keiner traut sich mehr, Fehler zu machen, die Kaffeepausen sind awkward, und mindestens zwei Leute haben bereits gekündigt. Was zur Hölle ist da passiert?
Hier kommt die unbequeme Wahrheit: Beruflicher Erfolg und die Fähigkeit, mit Menschen klarzukommen, sind zwei komplett verschiedene Dinge. Und manchmal schließen sie sich fast gegenseitig aus. Die Psychologie hat dafür mittlerweile ziemlich klare Erklärungen – und nein, es geht nicht darum, dass erfolgreiche Menschen grundsätzlich Arschlöcher sind. Es ist komplizierter und ehrlich gesagt auch faszinierender.
Der Perfektionismus-Albtraum: Wenn deine Standards andere erdrücken
Hier ist das Problem mit Perfektionismus: Er funktioniert fantastisch, wenn du alleine arbeitest. Du kannst stundenlang an dieser einen Präsentation feilen, bis jedes Komma sitzt und die Farben perfekt harmonieren. Das bringt dich nach oben. Das macht dich erfolgreich. Aber sobald andere Menschen ins Spiel kommen, wird aus deiner Superkraft eine Beziehungsbombe.
Menschen, die sich selbst mit brutalen Standards messen, tun das automatisch auch bei anderen. Das ist keine bewusste Entscheidung – es passiert einfach. Für dich ist es völlig normal, eine E-Mail dreimal zu überarbeiten, bevor du auf Senden drückst. Für deinen Kollegen ist das pure Zeitverschwendung, weil die erste Version schon völlig okay war.
Das Ergebnis? Du hältst deine Kollegen für schlampig und unambitioniert. Sie halten dich für einen kontrollsüchtigen Micromanager, der nicht loslassen kann. Beide Seiten haben aus ihrer Perspektive recht – und genau das macht die Situation so vertrackt.
Studien zeigen, dass Perfektionismus einer der häufigsten Gründe ist, warum High Performer im Team anecken. Es geht nicht darum, dass sie böse Absichten haben. Es geht darum, dass ihr Gehirn einfach anders verdrahtet ist. Was für sie normal gut ist, ist für andere bereits übermenschlich gut. Diese Diskrepanz sorgt für permanente Spannung.
Die Kontrollspirale: Wenn Loslassen zur Qual wird
Und dann kommt noch die Sache mit der Kontrolle dazu. Erfolgreiche Menschen sind oft deshalb erfolgreich, weil sie die Kontrolle über ihre Projekte behalten haben. Sie haben sich nicht auf andere verlassen, sie haben es selbst gemacht. Das ist eine grandiose Strategie für die Karriere – aber eine katastrophale für Teamarbeit.
Übersteigerter Perfektionismus verhindert effektive Delegation. Du gibst zwar formal Aufgaben ab, aber emotional hast du nie wirklich losgelassen. Du checkst ständig nach, optimierst die Arbeit anderer und gibst ungefragt Feedback. Für dich fühlt sich das verantwortungsvoll an. Für deine Kollegen fühlt es sich an wie ein Vertrauensbruch.
Kommunikation auf Effizienz-Modus: Wenn Direktheit wie Kälte wirkt
Erfolgreiche Menschen haben meistens einen sehr effizienten Kommunikationsstil entwickelt. Keine Zeit für Smalltalk, keine Lust auf emotionales Drumherum, einfach straight to the point. Klingt produktiv, ist es auch – aber es macht dich gleichzeitig zu einem sozialen Eisberg.
Wer zu sachlich und zu direkt kommuniziert, wird als kalt und unnahbar wahrgenommen. Menschen brauchen nicht nur Informationen – sie brauchen das Gefühl, als Person wahrgenommen zu werden.
Ein Guten Morgen ist keine Zeitverschwendung. Ein kurzer Check-in, wie es jemandem geht, ist kein ineffizienter Schnickschnack. Es sind soziale Schmiermittel, die dafür sorgen, dass Menschen sich wohlfühlen und dir vertrauen. Aber wenn dein Gehirn bereits beim Kaffee die nächsten drei Deadlines durchrechnet, fallen genau diese Dinge unter den Tisch.
Fehlende Reflexion über die eigene Wirkung ist einer der größten Stolpersteine. Du denkst, du bist einfach nur fokussiert und klar. Deine Kollegen hören aber: Deine Gefühle interessieren mich nicht, nur das Ergebnis zählt. Diese Diskrepanz zwischen Intention und Wahrnehmung ist brutal – und meistens ist sich niemand darüber bewusst.
Der Empathie-Gap: Wenn Zielorientierung Gefühle ausblendet
Hier wird es psychologisch richtig interessant: Viele erfolgreiche Menschen haben im Arbeitskontext einen Empathie-Gap. Das heißt nicht, dass sie gefühllose Monster sind. Es heißt, dass ihre Fähigkeit, emotionale Signale wahrzunehmen und darauf zu reagieren, massiv eingeschränkt ist, wenn sie im Arbeitsmodus sind.
Ihr Fokus liegt komplett auf Problemlösung und Zielerreichung. Emotionale Befindlichkeiten werden als störende Variablen wahrgenommen, die die Effizienz behindern. Das Problem? Menschen sind nun mal emotionale Wesen, auch bei der Arbeit. Wenn du diese Dimension ignorierst, ignorierst du einen riesigen Teil dessen, was Zusammenarbeit ausmacht.
Die Neid-Dynamik: Wenn dein Erfolg andere triggert
Jetzt kommt der Teil, über den niemand gerne spricht: Erfolg macht dich zur Zielscheibe. Nicht unbedingt aus bewusster Bosheit, sondern aus zutiefst menschlichen Gründen. Wenn jemand im Team besonders erfolgreich ist, löst das bei anderen eine komplexe Mischung aus Bewunderung, Unsicherheit und – ja – Neid aus.
In Teams mit starker interner Konkurrenz oder flachen Hierarchien wird Erfolg oft nicht als Bereicherung gesehen, sondern als Bedrohung. Plötzlich werden deine Ideen kritischer hinterfragt als die anderer. Deine Erfolge werden kleingerechnet oder auf Glück geschoben. Menschen beginnen, sich mit dir zu vergleichen – und wenn sie dabei nicht gut abschneiden, entsteht eine defensive Haltung.
Das Verrückte daran: Während du vielleicht selbst mit massiven Selbstzweifeln kämpfst und denkst, dass du deinen Erfolg gar nicht verdienst, sehen dich andere als übermächtige Konkurrenz. Diese gegenseitige Fehlwahrnehmung schafft ein toxisches Klima aus Missverständnissen und Projektionen.
Wenn verschiedene Arbeitswelten aufeinanderprallen
Hier liegt vermutlich der Kern des ganzen Problems: Erfolgreiche Menschen priorisieren Effizienz, Ergebnisse und Zielerreichung. Viele andere Kollegen priorisieren Harmonie, Work-Life-Balance und angenehme Beziehungen. Keine dieser Prioritäten ist objektiv besser oder schlechter – sie sind einfach unterschiedlich.
Das Drama entsteht, wenn diese Welten kollidieren. Du willst das Projekt bis Freitag fertig haben, auch wenn das Überstunden bedeutet. Dein Kollege will pünktlich nach Hause, weil er seine Kinder abholen muss. Du interpretierst das als mangelndes Commitment. Er interpretiert deine Erwartung als unrealistisch und rücksichtslos. Beide habt ihr aus eurer jeweiligen Perspektive recht – und genau deshalb ist der Konflikt so festgefahren.
Es geht nicht um richtig oder falsch. Es geht darum, dass zwei komplett verschiedene Vorstellungen von gutem Arbeiten aufeinandertreffen, ohne dass jemals ein echter Dialog darüber stattfindet.
Der Stress-Übertragungseffekt
Noch ein Faktor, den die wenigsten auf dem Schirm haben: Stress ist ansteckend. Menschen mit hohem Leistungsanspruch setzen sich selbst unter enormen Druck – und dieser Druck überträgt sich wie eine unsichtbare Wolke auf das gesamte Team.
Führungskräfte und High Performer unterschätzen oft massiv, wie stark ihr eigener Stress auf andere wirkt. Was für dich normaler Arbeitsalltag ist und dich vielleicht sogar anspornt, kann für andere bereits in Richtung Burnout gehen.
Achte mal darauf, wie du über Arbeit sprichst: Das schaffen wir locker, nur noch diese eine Sache, ist doch nicht so schlimm, wenn wir heute länger bleiben. Für dich klingen diese Sätze motivierend. Für andere klingen sie wie versteckter Zwang und die Botschaft, dass ihre Belastungsgrenze irrelevant ist.
Plot Twist: Es ist keine soziale Inkompetenz
Und jetzt kommt der vielleicht wichtigste Punkt: Wenn erfolgreiche Menschen schwierige Beziehungen zu Kollegen haben, ist das in den allermeisten Fällen kein Zeichen von sozialer Inkompetenz oder mangelnder Empathie. Es ist die logische Konsequenz aus systemischen Dynamiken, unterschiedlichen Prioritäten und psychologischen Mechanismen, die in Organisationen nunmal existieren.
Du bist nicht schlecht mit Menschen, nur weil deine Kollegen-Beziehungen kompliziert sind. Du befindest dich in einem Spannungsfeld aus widersprüchlichen Erwartungen: Sei erfolgreich, aber nicht zu erfolgreich. Sei durchsetzungsstark, aber nicht dominant. Hab hohe Standards, aber nerve andere nicht damit. Diese Balance zu finden ist verdammt schwierig.
Diese Dynamiken haben systemische Ursachen, die weit über individuelle Charakterschwächen hinausgehen. Es geht um Unternehmenskultur, Führungsstile, Teamzusammensetzung und organisatorische Rahmenbedingungen. Du bist nicht das Problem – du bist Teil eines komplexen Systems.
Was du konkret tun kannst: Praktische Strategien
Okay, genug Analyse. Was kannst du tatsächlich tun, um sowohl erfolgreich zu bleiben als auch bessere Beziehungen aufzubauen? Hier kommen Strategien, die wirklich funktionieren.
Selbstreflexion ohne Selbstzerfleischung
Der erste Schritt ist immer Bewusstsein. Frag dich regelmäßig: Wie kommt mein Verhalten bei anderen an? Nicht, wie du es meinst, sondern wie es tatsächlich wahrgenommen wird. Diese Lücke zwischen Intention und Wirkung ist oft riesig. Hol dir ehrliches Feedback – und zwar nicht nur von Leuten, die dir nach dem Mund reden.
Eine simple Übung: Notiere nach wichtigen Meetings, wie du dich verhalten hast. Hast du zugehört oder nur auf deine Chance gewartet zu sprechen? Hast du nach Meinungen gefragt oder deine eigene durchgedrückt? Diese kleine Reflexion kann massive Unterschiede machen.
Empathie als trainierbare Fähigkeit
Empathie ist keine angeborene Gabe. Sie ist ein Muskel, den du trainieren kannst. Bevor du in einem Meeting deine Meinung äußerst, nimm dir fünf Sekunden: Was könnte die Person gegenüber gerade fühlen? Was könnte ihre Perspektive sein?
Ein simpler Trick: Wiederhole in eigenen Worten, was dein Kollege gesagt hat, bevor du antwortest. Wenn ich dich richtig verstehe, machst du dir Sorgen wegen der Deadline? Allein das zeigt, dass du zuhörst und die Perspektive ernst nimmst.
Erwartungen transparent machen
Viele Konflikte entstehen aus unausgesprochenen Erwartungen. Wenn du hohe Standards hast, kommuniziere sie klar – aber erkläre auch warum. Und sei bereit zu verhandeln. Deine Standards sind nicht in Stein gemeißelt.
Statt das muss so gemacht werden probier: Mir ist wichtig, dass wir auf Detail XY achten, weil das in der Vergangenheit Probleme verursacht hat. Wie siehst du das? Gibt es einen Weg, der auch für dich funktioniert?
Die Balance ist möglich
Die gute Nachricht: Du musst dich nicht zwischen Erfolg und guten Beziehungen entscheiden. Es ist keine Entweder-oder-Situation. Die erfolgreichsten Menschen langfristig sind diejenigen, die fachliche Exzellenz mit sozialer Intelligenz verbinden können.
Das bedeutet nicht, dass du deine Standards aufgeben oder weniger leisten musst. Es bedeutet, dass du lernst, deine Ziele auf eine Weise zu verfolgen, die andere mitnimmt statt zurücklässt. Langfristiger Erfolg ist fast immer ein Teamsport, egal wie individualistisch dein Arbeitsfeld erscheinen mag.
Menschen, die sowohl hohe Leistung als auch gute Beziehungen am Arbeitsplatz haben, sind erfolgreicher als diejenigen, die nur eine dieser Dimensionen beherrschen. Warum? Weil sie in Krisenzeiten auf ein Netzwerk zurückgreifen können. Weil Menschen gerne mit ihnen arbeiten und sie weiterempfehlen. Weil sie Zugang zu Informationen und Möglichkeiten haben, die anderen verwehrt bleiben.
Wenn du also zu den Menschen gehörst, die beruflich erfolgreich sind, aber immer wieder merken, dass Beziehungen zu Kollegen kompliziert werden – du bist nicht allein. Du bist nicht defekt. Du befindest dich in einer psychologisch gut dokumentierten Situation, die aus nachvollziehbaren Mechanismen entsteht. Der Schlüssel liegt darin, diese Mechanismen zu verstehen und bewusst gegenzusteuern, ohne deine Werte oder deinen Ehrgeiz aufzugeben.
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